Im Interview: Rita Lüder-Pilzexpertin und Wildpflanzenliebhaberin

Im Interview: Rita Lüder-Pilzexpertin und Wildpflanzenliebhaberin
Im Interview: Rita Lüder-Pilzexpertin und Wildpflanzenliebhaberin

Rita Lüder ist Biologin und zertifizierte Pilzberaterin. Aber sie ist noch viel mehr! Für das Flora-Incognita-Projekt ist sie schon seit Langem eine Beraterin, die wertvolle Inhalte zur Bereicherung der App zur Verfügung gestellt hat: 40.000 Bilder zum Trainieren der Algorithmen, Zeichnungen und Texte zum Füllen der Steckbriefe. Über den intensiven Austausch sind wir sehr dankbar.

FI: Was motiviert Sie, das Wissen zu und über Wildpflanzen mit anderen Menschen zu teilen?

RL: Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen und die Natur hat mich „schon immer“ fasziniert und begeistert. Bereits als Kind habe ich mir von meinen Eltern „Was blüht denn da?“ (Kosmos-Verlag, 37. Auflage 1975) schenken lassen und Pflanzen angeschaut. Diese Begeisterung hat mich nie verlassen – heute ist die Natur nach wie vor mein Ort zum Kraft tanken und innehalten.

FI: Was meinen Sie, wie viele Wildpflanzen sollten Naturfreunde bestimmen können?

RL: Zahlen waren noch nie meine Stärke und ich bin geneigt zu sagen: kennen braucht er keine, wenn er die Natur achtet. Im Laufe meiner Studienzeit habe ich leider allzu oft das Gegenteil erlebt: große Artenkenntnis ohne den Respekt vor der Schöpfung und der Rolle des Menschen im Kreislauf der Natur. Natürlich gehört Artenkenntnis dazu, wenn man Wildpflanzen kartieren oder essen möchte.

FI: Wie empfehlen Sie, die aktuelle Zeit der eingeschränkten Reisetätigkeit zu nutzen?

RL: Mein Mann Frank und ich haben uns für diese Zeit eine Aktion ausgedacht, die wir hier vorstellen:  https://www.youtube.com/watch?v=YTAGl_rKGw8&t=15s

In unserem Buch „Wildpflanzen zum Genießen“ sind viele Anregungen, was man in dieser Zeit entdecken und ausprobieren kann, kulinarisch, künstlerisch und für die Gesundheit. Wir hoffen sehr, dass möglichst viele Menschen in die Natur gehen, ihre Abwehrkräfte stärken und Sonnenlicht tanken. Wir geben unser Buch bis zum 20. April kostenlos als pdf ab.

FI: Wie unterstützen Sie Menschen, die mehr über die regionale Vielfalt erkunden wollen?

RL: In Seminaren und Wanderungen – meist zusammen mit meinem Mann Frank, der meine Naturliebe teilt – sowie in Büchern und kleine Videos auf YouTube. Gemeinsam haben wir die Ausbildung zum PilzCoach (www.pilzcoach.de) ins Leben gerufen, weil es uns umtreibt, dass der ökologische Kreislauf leider oft immer noch gelehrt wird, ohne Pilze zu berücksichtigen. Sie sind für die Erde unersetzlich und mit den Pflanzen eng vernetzt. Wir hoffen, dass dieses Wissen auch in die Lehrpläne der Schulen und das Bewusstsein der Menschen Einzug hält. Dann wird auch der Boden als einer unserer wertvollsten Schätze besser geschützt und nicht durch Verdichtung, Eintrag von Gülle oder/und Giften beeinträchtigt.

FI: Wann und wie sind Sie auf das Flora Incognita Projekt aufmerksam geworden?

RL: Bereits ganz zu Beginn des Projektes hat Frank mir von davon erzählt, doch es hat dann mangels technischer Voraussetzungen meinerseits noch bis 2019 gedauert, bis ich Kontakt aufgenommen habe. Einer meiner Kollegen bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (www.dgfm-ev.de) hat mir von dem Projekt erzählt und dass nun ausprobiert wird, Pilze ebenso wie Pflanzen bestimmbar zu machen. Dann habe ich die App ausprobiert und war von Beginn an begeistert.

FI: Was unterscheidet für Sie ein Foto von einer Pflanzenzeichnung? Warum ist beides wichtig?

RL: Beides hat seine Vorteile. Eine Zeichnung zeigt auch verborgene Merkmale, wie z.B. die Grundblätter, die im Gelände kaum zu sehen sind. Details können hervorgehoben und trennende Merkmale verschiedener Arten gezeigt werden. Mit Detailfotos ist letzteres natürlich auch möglich. Fotos haben den Vorteil, zum Staunen anzuregen und die Strukturen und Farben auf faszinierende Weise sichtbar zu machen.

FI: Welchen Beitrag haben Sie schon für Flora Incognita geleistet, und warum?

RL: Ich habe die Informationen aus unserer App „Wildpflanzen zum Genießen“ und meine Fotos von Pflanzen (Kräuter und Gehölze), die ich seit nun fast 20 Jahren digital mache, zur Verfügung gestellt. Ich selbst profitiere sehr von der guten Qualität der App und widme mich mit mehr Begeisterung nun auch wieder Gattungen, die ich vorher bei der Bestimmung eher vernachlässigt habe. Dadurch, dass ich einen Vorschlag bekomme, macht es mir die Nachbestimmung leichter, und der Spaß an der Bestimmung steigt. Es ist faszinierend, wie oft die Technik gute Ergebnisse liefert. Durch meine Bilder wird die App dann wiederum (hoffentlich) noch besser und so sehe ich dies als eine sich gegenseitig befruchtende Win-Win-Situation. Außerdem finde ich es gut, dass die App frei zugänglich bleiben soll, so dass sie auch für Schüler etc. genutzt werden kann. Solange wir noch nicht im bedingungslosen Grundeinkommen leben, ist dies leider für eigene Projekte ohne Zuschüsse nicht möglich, so dass unsere eigene Bestimmungs-App (zum oben genannten Buch „Wildpflanzen zum Genießen“) 10,- € kostet.

FI: Welche Materialien zur Pflanzenbestimmung bekommen Naturliebhaber von Ihnen?

RL: Neben den Büchern habe ich „Rätselpfade“ und Poster entwickelt. Sie geben eine Übersicht über die wichtigsten Familien der Pilze und Pflanzen. Sie stehen kostenlos auf unserer Webseite (www.kreativpinsel.de) als Download zur Verfügung. Mit den Rätselpfaden hoffen wir auf spielerische Weise einen Einstig in die systematische Bestimmung zu geben. Sie sind so etwas wie eine Hinführung zu den „Grundkursen Pilz- und Pflanzenbestimmung“ (Quelle & Meyer Verlag).