Epilobium hirsutum – Das Zottige Weidenröschen

Bis in den September herein kann man kleine, tiefrosa gefärbten Blüten in der Nähe von Gewässern bewundern. Sie gehören zu einer Schönheit, welche zudem verschiedene raffinierte Mechanismen und Strategien verborgen hält: dem Zottigen Weidenröschen. Der Name lässt es vermuten: sowohl Blätter, als auch Stängel und Samen dieses Nachtkerzengewächses  sind stark behaart. Der Rand der Blätter ist gezähnt – sie sind im unteren Teil der Pflanze gegenständig, im oberen zum Teil auch wechselständig sitzend. Die vierzähligen Blüten sitzen in den Blattachseln und tragen charakteristische Merkmale wie vier herzförmig eingebuchtete Kronblätter und eine Narbe mit vier sternförmig ausgebreiteten Ästen.

Als Wasserliebhaber fühlt sich das Zottige Weidenröschen besonders in der Nähe von Bächen, an Grabenrändern oder Quellen wohl. Von Besonderheit ist dabei, dass es auch an verschmutzten Gewässern zu finden ist – es dient somit nicht als Wassergüteanzeiger. Zerstreut wächst die behaarte Pflanze einzeln oder in Gruppen überwiegend in Lehm- und Kalkgebieten, im nördlichen Tiefland ist sie eher selten. Auch die Samen des Weidenröschens haben lange Haare, und sie sind durch diesen Auftrieb in der Lage, mehrere Wochen lang zu schwimmen. Auf diese Weise ist der Fortbestand der Art in Wassernähe meist gesichert. Zur weiteren Absicherung und als alternative Strategie vermehrt  es sich durch seine dicken, weithin kriechenden Wurzelstöcke – so besiedelt es schon vor der Blüte gemähte Feuchtwiesen. Auf diesen wird es allerdings nicht gern gesehen, denn das Vieh verschmäht Stängel und Blätter der Pflanze, sowohl frisch, als auch im Heu. Die Entwicklung von Drüsenhaaren und Nadelkristallen in seinen Blattzellen wirken als Fraßschutz vor Weidetieren.

  

Verschiedene Schmetterlingsraupen sind hingegen zum Teil auf das Zottige Weidenröschen als Nahrungsgrundlage angewiesen. Zu ihnen zählen Arten wie der Mittlere Weinschwärmer, der Nachtkerzenschwärmer, die Schwertlilieneule, der Labkrautschwärmer oder der ziemlich spezialisierte Schwarzweiße Weidenröschen-Spanner. Im 18. Jahrhundert war das Zottige Weidenröschen auch für den Menschen von besonderer Bedeutung: seine Samenhaare dienten als Stopfmaterial für Polster und Bettdecken. Außerdem fertigte man Dochte und kleine Stricke aus diesem widerstandsfähigen Pflanzenmaterial. Die einzige Schwierigkeit dabei war, dass sich die Haare nicht verspinnen lassen. Vielleicht wäre sie sonst heute als Alternative zu Flachs, Leinen oder Baumwolle bekannt.