Agrostemma githago – Die Kornrade

Kaum einer sieht sie noch: die Kornrade, die im Hochsommer mit ihren purpurnen Blüten eigentlich nicht zu übersehen wäre. Der Grund für ihr Verschwinden liegt in den Veränderungen ihres Lebensraumes: dem Acker. Sie gehört zu der sogenannten „Ackerbegleitflora“. Diese Pflanzen begleiten uns seit der Sesshaft-Werdung des Menschen.

Mit den Anfängen des Ackerbaus veränderte sich die Landschaft grundlegend. Statt hauptsächlich Wald, gab es nun offene Flächen, auf denen alljährlich der Boden bearbeitet wurde und frei lag.  Einjährige Pflanzen, die im selben Jahr keimen, blühen und Samen bilden, konnten diese neuen Lebensräume für sich nutzen und entwickelten sich parallel zu den angebauten Nutzpflanzen. Seit Jahrtausenden vollzog sich so eine Anpassung an die Bearbeitungs-, Pflege- und Erntemaßnahmen. Die Kornrade ist mit ihrer niedrigen Keimtemperatur beispielsweise perfekt an Wintergetreide angepasst und kann, wie auch das Getreide, schon im Herbst keimen. Ursprünglich kommt sie aus steppenähnlichen Gebieten des Balkans. Mit den Römern und ihrem Saatgut im Gepäck gelangte sie nach Westeuropa. Durch die industrialisierte Landwirtschaft werden bunte Äcker immer seltener. Die Saatgutreinigung ist so effizient geworden, dass die Kornrade auf Äckern nahezu nirgends mehr vorkommt. Bedauerlich ist das aus einem Grund nicht: Sie ist neben ihrer zarten Gestalt ein gefürchtetes Kraut gewesen, da ihre Samen giftige Inhaltsstoffe enthalten. Unters Korn gemischt, stellte das ein ernsthaftes Problem dar, als die Erntereinigung noch ohne technische Hilfsmittel auskommen musste und ungenau war.

Heute finden wir die Kornrade vor allem in Wildblumenmischungen und als Zierpflanze in Gärten. Sie variiert in ihrer Wuchshöhe von 30-90cm. Das macht sie zu einer variablen Begleiterin unterschiedlichster Vegetation. Ihr Wuchs ist etwas „gakelig“, was ihre Familienzugehörigkeit zu den Nelkengewächsen verrät. Die schmalen Blätter und der Stängel sind filzig-grau behaart. Auffällig ist die 2cm große Blüte, deren violett-purpurne  Blütenblätter weiß geadert sind und von spitz zulaufenden Kronblättern überragt werden. Sie helfen Photosynthese zu betreiben, wenn das Getreide dicht und im Sommer hoch steht. Während der Blütezeit kann man eher Falter als Bienen an ihr beobachten, was an ihrer Möglichkeit zur Selbstbefruchtung liegen kann. Ihre schwarzen Samen sind nierenförmig und verhältnismäßig groß. Sie sind nur kurze Zeit keimfähig und werden erst durch mechanische Einwirkung aus der Kapsel befreit. Das stellt sie regelrecht in Abhängigkeit zum Getreidedreschen.

Relativ anspruchslos ist sie hinsichtlich der Wasserverfügbarkeit und dem pH-Wert des Bodens. Alles was sie braucht ist ein im Herbst vegetationsfreier und nährstoffreicher Boden. Als Zwischenfrucht auf den Acker gesät ist sie gegen Rübenzüstenälchen wirksam und verdient nun, da sie keine gesundheitliche Gefahr für uns darstellt, eine zweite Chance. Ackerland ist eines der häufigsten Ökosysteme in Deutschland. Eine Verarmung der Begleitflora ist nicht nur visuell bedauerlich, für die Nützlinge in der Landwirtschaft ist sie lebensbedrohlich. Das Fehlen dieser Gegenspieler der Schädlinge wird zunehmend auch zu einem Problem für den Ackerbau. Neben dem Zugewinn an Ästhetik in unserer Kulturlandschaft ist das ein Grund, weshalb es nun Förderprogramme gibt, die die Kornrade und andere Begleitpflanzen wie Ackerstiefmütterchen, Feldrittersporn, Kornblume und Erdrauch zurück auf Blühstreifen am Ackerrand oder auf Brachen bringen.