Hepatica nobilis – Das Leberblümchen

Fangen wir mit etwas Einfachem an: Es besteht keine Verwechslungsgefahr bei diesem “Blümchen”, diesem Frühlingsboten aller erster Klasse! Keine andre Pflanze bildet jetzt in unseren Laubwäldern ganze blaue Teppiche. Obwohl es leicht zu bestimmen ist: Ein genauer Blick lohnt sich. Es ist eine Blume zum Niederknien. Wer das tut und sie sich somit genau anschaut, sieht das sonst Verborgene, zum Beispiel: ihre drei weich behaarten Hochblätter. Das sind die drei kleinen grünen Blätter direkt unter der Blüte. Diese Pflanze hat nicht ohne Grund auch den Namen: dreilappiges Leberblümchen. Die Dreiteiligkeit finden wir auch gut sichtbar in den großen grünen Laubblättern wieder. Diese verbleiben auch wenn der Blütenregen Ende Mai längst vorbei ist. Sie werden im Laufe des Jahres immer ledriger und dunkelgrüner, am Blattrand und auf der Unterseite fast braun oder purpurfarben.

Im Mittelalter wurde es als Heilpflanze für Leberkrankheiten benutzt. Die äußere Blattform sollte auf die Heilkräfte im Inneren deuten. Daraus gründet sich auch der Gattungsname vom griechischen: Heper für Leber. Heute weiß man, dass die Pflanze giftig ist, wie es in der Pflanzenfamilie der Hahnenfußgewächse, zu denen das Leberblümchen zählt, üblich ist.

Sie ist eine Staude, das heißt jedes Jahr aufs Neue treibt sie aus. Lange bevor die Bäume über ihr wieder Blätter bekommen. Dieser frühe Vogel hätte später mit seiner Größe von ca. 10 cm keine Chance gegen die Baumriesen im Streben nach Licht anzukommen. Da das Wetter so früh im Jahr noch rau und unwirtlich sein kann, hat sie die Fähigkeit bei Regen, Tau oder Nachtfrösten die Blüten zu schließen und abnicken zulassen – Schlafenszeit fürs Leberblümchen.

Der Name: nobilis heißt übersetzt so viel wie: edel, nobel. Die nicht gerade großen Blüten haben es in sich. Dieses Pastellblau mit etwas Violett, selten ein Hauch von Rosa oder etwas Cremeweißlich, umgeben mit einem Glanz, der sich erst beim Betrachten im rechten Lichte zeigt und im wunderschönen Kontrast zu den Blütenblättern erheben sich mittig in der Blüte die Staubblätter hell heraus und sorgen für ein regelrechtes Strahlen der Blüte. All das wäre nicht besser als mit ‚edel‘ zu beschreiben.

Eine einzelne Blüte ist schon nach etwa acht Tagen verblüht. Doch kein Grund zur Hektik: aus jeder Pflanze schieben sich bestimmt ein Dutzend fein behaarte Stängel mit Blüten am Ende.

Jede Blüte besteht aus 6-10 Blütenblättern, die leicht abfallen. Es ist also nicht weiter schlimm, dass die Pflanze unter Naturschutz steht und nicht gepflückt werden darf, denn sie würde sich eh nicht lang in der Vase halten. Eine Gefährdung der sie unterliegt entsteht letztlich durch ihren Reiz, meint die Loki-Schmidt-Stiftung, die das Leberblümchen zur Blume des Jahres 2013 machte. Denn wer möchte nicht diesen Inbegriff des Frühlings in den eigenen Garten verpflanzen? Das Weiterwachsen gelingt jedoch zu selten. Sie braucht einen breiten Kragen aus halbzersetzten Laub, in dessen Schutz sie wächst. Außerdem liebt sie kalkreiche, lehmige Böden, die etwas feucht sind. Menschen die diese Voraussetzung bei sich vorfinden müssen nicht auf sie verzichten. Gärtnereien kultivieren diese Pflanze und züchten mitunter gehörig an ihr herum. Es gibt regelrecht Hepatica-Fans, die vielfältigsten Farbverläufe und Formabwandlungen sammeln. Geschmacksache, doch dieser Pflanze zu verfallen möchte man niemandem verübeln. Wer jedoch die edle Einfachheit genießen will, kann sich vom Leberblümchen auf einen Frühlingswaldspaziergang eingeladen fühlen. Auf der Suche nach ihr enden wir meist in sehr alten, malerisch anmutenden Laubwäldern, in denen nur wenig Forsttechnik wütet. Wie wir an ihrer Seltenheit, bzw. dem Schutzstatus ablesen können: Die wilde Schöne hat ihre Ansprüche.

 

Autor: Annemarie Kramer (Stundentin der Fachhochschule Eberswalde)

Bilder: Dr. Angelika Thuille